Ankunft und eine große Aufgabe

Vor wenigen Tagen erst erreichten wir die Ufer der Insel, auf der sich die Stadt der 11 Türme befindet. En’kara ist mehr eine Festung als eine Stadt und der oberste Führer hier ist ein vom Rat gewählter Statthalter, obschon er aus der roten Kaste stammt. Ich erinnerte mich, dass mein Vater einst Verbindungen zu diesem Ort und seinen Menschen hatte, also wollte ich nichts unversucht lassen bei der Suche nach meinen Eltern. Am Tor angekommen bat ich um Gastrecht und den Schutz der Stadt. Beides wurde mir gewährt.

ankunft_001

Nach der langen Reise waren meine Knochen schwer und müde und mein Kopf schrie nach einem gemütlichen Lager. Die Reisegruppe, mit der ich die Schiffsfahrt angetreten hatte, würde sich hier auflösen und ich war wieder allein, auf mich gestellt. Das erste Schwert von En-kara zeigte mir den Weg zur Herberge oder zur Taverne, ich weiß es nicht genau, aber wir saßen ohnehin draußen und ich bekam zu trinken und auch Brot und Käse. Ich stellte mich einfach als Helena vor. Eine junge Schriftgelehrte. Erst später, als ich die Gelegenheit hatte den Statthalter zu sprechen, legte ich meine Karten und meine Identität offen.

ankunft_003

Kein Kragen schloss sich um meinen Hals, nein ich erhielt Zugang zur Schreibstube und verantwortungsvolle Arbeit: Der Posten der Quästorin wollte ausgefüllt werden und ich sah mich außer Stande diese Ehre abzuschlagen. An diesem Abend jedoch, so sehr mich der heimelige Geruch nach Pergament und uralten Schriftrollen auch inspirierte, an diesem Abend jedoch ließ ich mich einfach auf den Diwan der Schreibstube fallen und schlief tief und fest. Keine sich bewegenden Schiffsplanken unter mir. Keine stinkenden Mitreisenden. Keine Gefahr. Ich schlief mit Schleier, meinen Umhang als wärmende Decke und unter meinem Kopf mein weniges Hab und Gut, als Polster für meinen Kopf in meinem Rucksack.

ankunft_005

Die Stadt hatte nur eine einzige Schreiberin und die erstickte in Arbeit, so dass ich mich gleich am nächsten Morgen daran machte ein wenig Ordnung zu schaffen. Auf Grund der Kriegswirren  hatte ich mein Studium an der Akademie nicht beenden können. Ich war keine fertige Rechtsgelehrte, aber mit den grundlegenden Dingen kam ich zurecht. Und ich war gewissenhaft. Vermutlich deshalb wurde mir gestern schon die Ehre zuteil, eine Geährtenschaft zu schließen.

fc_005

Hätte ich geahnt, dass aus Weit und Fern hohe Würdenträger anreisen würden, ich wäre wohl vor Aufregung eingegangen. So aber versteckte ich mich hinter einem Palmkübel inmitten der prachtvolllen Dekorationen und schafftes es sogar, mich nicht zu übergeben im Angesicht der größer werdenen Menge im Zuschauerraum.

fc_003

Es verbanden sich nicht nur Lady Tara und Sir Clark, nein, vor allem verbanden sich wohl ihrer beider Sklavenhäuser. Der Gefährte war stattlich, die Gefährtin wunderschön – und da er ihr während der Zeremonie auch den letzten Schleier nahm, durften ihn alle um sein Glück beneiden. Ich beneidete eher sie um ihr Glück, aber das ließ ich mir natürlich nicht anmerken. Ein Sklavenhändler ist vielleicht stattlich, aber keine passende Partie für mich. Die beiden sind derselben Kaste. Die Kaste, so wurde ich gelehrt, steht immer über den persönlichen Belangen. Über der Kaste steht nur noch der Heimstein, an den ich oft denke, auch wenn ich weder weiß, wo er hingebracht wurde, noch wie ich zu seinem Wohl handeln kann. So werde ich mich einfach darauf konzentrieren meiner Kaste und meinen Eltern Ehre zu machen.

fc_004

Nachdem die Schleierzeremonie beendet war und sie den Wein der Liebe getrunken hatten, stahl ich mich davon. Ein Feuerwerk erhellte den Himmel. So etwas hatte ich nie zuvor gesehen, nur davon gelesen. Serenus, der Wissende, hatte von derlei Tand immer abgeraten. Mit so etwas, hatte er immer gesagt, verärgert man nur die Priesterkönige. Aber es war so schön, dass mir die Tränen kamen. Die vielen Menschen auf dem Schiff waren nun in sicherer Entfernung zu mir und ich starrte am Ufer stehend, verborgen hinter einem Busch, auf die Farben am Himmel, die aus sich heraus zu explodieren schienen. Farbiger Feuerregen vor einem nachtschwarzen Himmel.Erst als alles erloschen war, machte ich mich auf den Weg zurück in die Stadt. Von weitem hörte ich noch die Stimmen der Feiernden auf dem Schiff, auf dem wohl die Gefährtin angereist war.